Wenn ich arbeite – mein Tagesablauf als Online-Tagesredakteur

6.30 Uhr Der Wecker klingelt mal wieder zu früh! Warum eigentlich? Ich werde die Weckfunktion meines Handys wohl nie verstehen. Jetzt nochmal eine halbe Stunde schlafen wäre toll, doch sind längst so viele Gedankenblitze zwischen meinen beiden Ohren hin und her gesaust, dass ich ärgerlicherweise darüber wach geworden bin. Erst mal Radio anmachen.

Während ich mit zerknitterter Miene die Milch aus dem Kühlschrank krame, um sie gleich genüsslich über die Discounter-Cornflakes zu ergießen, kommt der nächste Schock: „Sie hören die Morgenandacht mit Pfarrer Mustermann“. Wann wird der Deutschlandfunk genügend hasserfüllte Brandbriefe seiner Frühaufsteher-Hörer in Empfang genommen haben, um diese morgendliche Quälerei ein für allemal aus seinem Programm zu verbannen? Schnell das Radio aus – Nachrichten kann man noch um 7 Uhr im Auto hören.

Nachdem die matschweichen Flakes – oder neudeutsch: Cerealien – heruntergewürgt sind und ich mein äußeres Erscheinungsbild leidlich zurechtgerückt habe, geht’s raus. Natürlich könnte ich noch eine halbe Stunde in der Küche sitzen und vor mich hinstarren (wie ich es an freien Tagen leidenschaftlich und ausgedehnt zu praktiziere pflege), doch hoffe ich auf die eine oder andere Supermeldung, die ich mit weiteren Detailinformationen ausschmücken kann.

7.04 Uhr Ich sitze im Auto und bekomme von den Nachrichten nur noch das Wetter mit – Mist! Auf Karlsruhes Straßen sind bislang nur die Frühaufsteher unterwegs; es geht daher recht höflich zu. Die Drängler, Zwangsüberholer und Andere-nicht-einscheren-Lasser tummeln sich erst kurz vor den üblichen Zeiten zum Arbeitsbeginn. In meiner romantischen Fantasie denke ich noch über einen schnellen Espresso in einer verrauchten Kneipe unter alten, verknitterten Jazztrompetern, Dirnen, Partygängern und sonstigen Nachtschwärmern, die vom gestrigen Abend übrig sind, nach. Zu meinem Leidwesen muss ich wieder einmal feststellen, dass es um diese Uhrzeit nur schmucklose Bäckereien gibt, die einen lieblos drapierten Kaffee im Pappbecher anbieten. Alternativ hat noch der Rotlichtbetrieb in der „Brunnegass“ geöffnet – der aber will anderes an den Mann bringen als Kaffee.

7.15 Uhr Ich schließe die Redaktion auf. Es ist saukalt und der Sauerstoffgehalt ist so niedrig, dass ich fast das Bewusstsein verliere. Erst mal lüften. Danach die Heizung auf. Mein Chef hat gestern Abend mal wieder die Heizung abgestellt. Ich weiß, dass er es gut mit der Umwelt meint. Trotzdem versehe ich ihn reflexartig in Gedanken mit schlimmen Adjektiven. Jetzt den Fernseher an. Auf n.tv läuft mal wieder die hochspannende Sendung „Wirtschaft am Morgen“; das bleibt auch über mehrere Stunden so. Also ist nichts weltbewegendes passiert.

Ich werfe den Computer an. Sobald ich das erste mal die Hand auf die Maus gelegt haben werde, gibt es kein zurück, denn bis zum Feierabend werden die zu erledigenden Aufgaben wie ein endloser Film ohne Werbeunterbrechung auf mich einregnen. Dann besser vorher nochmal an unsere Deluxe-Kaffeemaschine, die Ruhe vor dem Sturm genießen. Natürlich hat der Letzte gestern nicht den Wassertank aufgefüllt! Und die Bohnen sind auch leer. Aaargh! Ich beruhige mich wieder, fülle alles auf, lasse meinen Kaffee raus und genieße den Moment. Jetzt aber an die Arbeit!

Der E-mail Posteingang platzt einmal mehr aus allen Nähten. Ich sortiere zunächst: Die Viagra-Preise im Netz fallen ins Bodenlose. Außerdem haben wir gleich dreimal einen Millionenbetrag bei Verlosungen in Singapur, Schottland und auf den Bahamas gewonnen. Zwei Personen fragen in gebrochenem Englisch, ob ich gegen 50-prozentige Beteiligung nicht als Treuhänder für ein Millionenerbe fungieren wolle – sie brauchen nur meine Bankdaten…

Endlich der erste Polizeibericht: Ein zerkratzter Roller, mehrere Unfallfluchten kleineren Ausmaßes und ein Familienstreit in Rastatt. Na ja. Dann kommt es: Ein Unfall auf der A5, der zu einem zehn Kilometer langen Stau führte. Ein erster Schweißtropfen läuft mir über die Stirn. Schnell rein damit! Ich lege den Artikel an und füge das Bild ein. Beim Durchlesen fällt mir auf, dass beim Schreiben die Fantasie des tippenden Polizeibeamten mit ihm durchgegangen ist, denn der Vorfall liest sich wie ein spannungsgeladener Abenteuerroman. Das fällt mir spätestens dann auf, als vor meinem geistigen Auge die Verkehrswacht – gespielt von Bruce Willis – aus ihrem Dienstfahrzeug aussteigt und mit lässig im Mundwinkel herumrutschender Zigarette den Schadensfall aufnimmt. Gnadenlos kürzen!

7.51 Uhr Ich nehme die Meldung online. Trotz der Vernüchterungskur läuft der Artikel sehr gut an. Die Leser beehren meine Arbeit mit höchster Aufmerksamkeit – das verrät die Statistik. Ich schaue, was die Nachrichtenagentur gemeldet hat. Aha, „Ermittlungen um Afghanistan-Bombardement gehen weiter“, der Regierungschef einer Republik am Ende der Welt wurde im Amt bestätigt, „Wirtschaftskrise noch nicht überstanden“, es ist seit gestern also nichts passiert, zumindest nichts, was den durchschnittlichen Karlsruher aus dem Sessel hebt. Einzig auf der Ba-Wü-Line kommt eine interessante Meldung – es geht um Maßnahmen zur Verkehrsüberwachung, die zukünftig jeden Autofahrer teuer zu stehen kommen könnten. Hoch damit!

Nachdem ich noch die eine oder andere Meldung ausgetauscht und die korrekte Platzierung der Umfrage gecheckt habe, finde ich die Zeit, um die übrigen gefühlten 10.000 E-mails zu lesen.

9.01 Uhr Nachdem ich gefühlt 1,4 Prozent des Posteingangs bearbeitet habe, flattern nacheinander die beiden Volontärinnen herein. Sie müssen mich begrüßt haben und scheinen sich auch mit mir zu unterhalten. Doch bin ich von den Myriaden an Pressemitteilungen schon so durch den Wind, dass ich ganz neben mir stehe und die Unterhaltung sich von selbst – ohne mein Zutun – führt. Jetzt erstmal Pause machen und den zweiten Kaffee reinschütten. Im Fünfminuten-Takt tröpfeln die Praktikanten ein und beginnen zu arbeiten.

Ich habe über meinen Kaffee wieder zu mir selbst gefunden und rufe alle zur Redaktionssitzung zusammen. Themenvergabe. Ich habe mehrere Termine auf dem Tisch und dazu noch ein paar Themen, die zwar nicht drängen, die ich aber trotzdem gerne bearbeitet wüsste. Praktikant B. ergreift die Chance beim Schopf. Da er eine Leidenschaft für Verkehrsthemen hat, schreit er wie am Spieß „ICH!“, als ich zu dem Gleisbau-Termin komme. Er überrascht mich mit seiner lautstarken Initiative derart, dass ich entsetzlich zusammenfahre und dabei fast das Blatt fallen lasse. Bei so viel Engagement kann man nichts machen – B. bekommt das Thema. Die übrigen Themen werden auf normale Weise vergeben. Danach gehen alle an die Arbeit.

Ab jetzt geht es Schlag auf Schlag: Pressemitteilung – an Praktikantin A., Pressemitteilung an Praktikant D., Umfrageauswertung an Praktikantin L., Praktikantin A.: „ Fertig“, neue Meldung. Die Nachrichtenagentur schickt eine wichtige Eilmeldung – Tippfehler raus („immer das Selbe!“) und hoch damit. Volontärin T. geht die Leserkommentare durch, denn ärgerlicherweise hat sich wieder die eine oder andere Unflätigkeit eingeschlichen. Gnadenlos geht die Volontärin über eine Hand voll herber Kraftausdrücke. Die meisten Einträge bleiben davon aber unberührt.

Eine Partei schickt wieder einmal ein Statement zu einem kontroversen Lokalthema. Volontärin R., welche die Sache schon seit längerer Zeit betreut, bearbeitet die Mitteilung und fügt sie in den Gesamtkontext des Themas ein. Das Telefon klingelt: „Könnte ich den Herrn E. sprechen?“, ich stelle durch, L. ist fertig, ich schicke ihr ein neues Thema, eine E-Mail kommt herein. Ein gewisser Herr G. beschwert sich mal wieder über den Inhalt eines Artikels – ich leite weiter an den Redaktionsleiter, das Telefon: „Könnte ich den Herrn XY sprechen?“, ich stelle durch, Volontärin T.: „Könnten wir vielleicht das Radio anmachen?“, ich stimme zu, dezente Musik flutet den Raum, Telefon:“Hier isch YZ, ich möcht’ zur Frau ZY“, ich stelle durch, eine Mail mit einem interessanten Themenvorschlag, ich frage in die Runde: „Hat gerade jemand nichts zu tun?“. Ich fühle mich wie wie Patrick Swayze in „Ghost“ – ein Geist, den lebende Menschen nicht wahrnehmen können. Mir fällt ein, dass das Thema von D. keinen besonderen Aktualitätsbezug hat. Also: Ein Freiwilliger! Und schon wieder das Telefon – ich stelle durch, verdammt nochmal.

So um 13 Uhr herum Als Praktikantin A. aufsteht mit den Worten: „Ich mach dann mal Mittag“, bin ich wieder einmal ganz überrascht. Mittag, schon? Also gut, Mittag. In meinem Gehirn ist der Siedepunkt schon fast erreicht. Ich entscheide mich also dafür, der nahe gelegenen Bäckerei einen Kurzbesuch abzustatten. Volontärin R. zählt mir mal wieder die Reihenfolge auf, nach welcher ich ihr ein belegtes Brötchen mitbringen soll:“…also, wenn kein Tomate/Mozzarella da ist, dann nehm ich….“, die genügsame Volontärin T. verlangt wieder einmal nicht mehr als eine nackte, freudlose Brezel, die übrigen Praktikanten lehnen dankend ab.

Als ich wieder zurück bin und allen Bestellern ihre Backwaren ausgehändigt habe, taumelt ein völlig überladener DHL-Lieferant herein – er ist bepackt wie der Weihnachtsmann, mit allerlei Paketen, aber ohne Geschenkpapier. In gewohnter Weise bitte ich ihn, alles am Tisch der Kulturredaktion abzustellen – das sind die Preise für die Quiz-Gewinner. Der arme Mann stellt die Monster-Ladung auf der Tischplatte ab, die sich unter der Last zu verbiegen beginnt. Ich unterschreibe auf dem elektronischen Quittiergerät. Keiner wird meinen Namen je lesen können – meine Schrift ist zu krakelig. Dem DHL-Mann ist das aber egal. Völlig erschöpft kriecht er zurück zu seinem Lieferwagen.

Zu gerne würde ich wissen, was Kulturredakteur P. wieder verlosen will. Ich öffne die Pakete jedoch nicht, da er in diesem Fall sicher von seinem Sonder-Steinigungsrecht gegenüber Kollegen Gebrauch machen würde. Ich kehre an die Arbeit zurück.

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17.40 Uhr Ich weiß wieder einmal, warum ich heute Nacht wirklich gut schlafen werde. Ich denke mit einem entrückten Lächeln auch daran, dass es nicht mehr viele Minuten sind, die mich vom Feierabendbier trennen. Dann der Schock: Ich habe die Umfrage vergessen! Aber Gott sei Dank haben wir schon in der Frühe ein Super-Thema zur Seite gelegt. Allerdings wollte ich es schon vor einer halben Stunde schreiben.

Glücklicherweise kommen mir die Volontärinnen zur Hilfe, die eine nimmt sich der Umfrage an, die andere checkt zwei Artikel, die ich heute noch gerne online nehmen möchte. So habe ich die Zeit, die Tagesplanung für den nächsten Tag und den nächsten Tagesredakteur vorzubereiten. Außerdem sind da noch drei weitere angelegte Meldungen der „Praktis“, die ich auf Richtigkeit überprüfen muss. All das schaffe ich mit den letzten Energiereserven, die mein Körper aufzubringen vermag. Mit einer Verspätung von etwa 15 Minuten ploppt der erste Kronkorken von meiner Bierflasche. Junge, tut das gut! Prost.

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